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    Was "verstehen" wir von bulgarischen Volksliedern?

    Vorwort zu "Bulgarische Tanzlieder" (Notenheft und CD),
    herausgegeben 2000 von Belco Stanev und Herwig Milde
    2. Nachdruck 2005

    Wer hierzulande ohne bulgarische Sprachkenntnisse – und das trifft sicherlich auf fast alle Folklorefreunde zu – bulgarische Volkslieder hört, nimmt in erster Linie die Botschaften wahr, die die musikalische Seite der Lieder übermittelt: Schwermut, die sich im geringen Tonumfang einer Melodie ausdrückt, eine frohe Stimmung, die ein lebhafter Rhythmus auslöst, körperliche Spannung bis zum Bedürfnis zu tanzen, wenn er asymmetrisch ist. Was die Musik uns zu sagen hat, ist immer vielschichtig und mannigfaltig, aber gleichzeitig subjektiv und von Hörer zu Hörer unterschiedlich.

    Ungeahnte Dimensionen erschließen sich jedoch, wenn wir einmal das Glück haben zu erfahren, was der Liedtext bedeutet. Seit langem tanzen wir vielleicht einen Tanz oder hören eine CD ohne zu ahnen, von welchem persönlichen Schicksal das Lied berichtet. Die Kopanica "Georgi Nedelja prostava" (Nr. 1) zum Beispiel gibt durch Melodie und Arrangement nicht zu erkennen, daß sie von einer bitteren Erfahrung einer Ehefrau und Mutter handelt. "Draganinata" (Nr. 20) vermittelt durch die Dynamik der Interpretation zwar eine ansteigende und abfallende Spannung, aber wer hätte allein von der Musik her geahnt, welches Drama sich im Text abspielt? Und daß sehr viele Tanzlieder humorvoll mit den Augen zwinkern oder gar groteske Späße darstellen, erfährt nur, wer entweder hervorragend Bulgarisch versteht, einschließlich diverser Dialekte, oder über eine Übersetzung verfügt. Da entpuppt sich dann eine harmlose Melodie als Spottlied über einen allzu schönen jungen Mann (Nr. 7), über die pompösen Trachten der Pomakinnen (Nr. 9) oder über den segelohrigen Petko Klatajko (Nr. 8).

    Die Volkslieder der Bulgaren sind immer eng mit der Arbeit, Bräuchen und Ritualen, dem Dorfreigen (Horo), gemeinsamem Essen, Alltag und Festen verbunden gewesen. Dies führte zu verschiedenen Liedgattungen, die jeweils ihre bestimmte Funktion hatten: Brauchtumslieder zu Kalenderfesten (zum St. Georgs-, Enjo-, Lazarustag, Weihnachten), jahreszeitlichen Bräuchen ("Peperuda", der Schmetterling, zur Abwehr von Dürren, "Trifon Zarezan" für die Fruchtbarkeit der Weinstöcke), Lieder zu Familienfesten (von der Geburt eines Kindes über Verlobung, Hochzeit und Hausbau bis zum Tod), wobei es jeweils ganz bestimmte Lieder für jede einzelne Phase eines Rituals gab, Lieder zu Handwerks- und Feldarbeiten (auch hier wieder differenziert nach Tageszeiten), Lieder zu bestimmten Haus- oder Feldarbeiten und zu geselligen Anlässen wie der "Sedjanka" (abendliches Treffen), dem Horo und der Tischgesellschaft.

    So ist z.B. die "Saferska Râcenica" (Nr. 21) ein Lied, das die Brautwerber während des Hochzeitsrituals singen – das sich übrigens über mehrere Tage erstreckt und aus zahlreichen genau bestimmten Phasen zusammensetzt – als Mahnung an die Adresse der Braut (und alle übrigen anwesenden jungen Frauen): Die schöne Gana tut die ganze Woche nichts, aber am Sonntag will sie den Horo anführen. Gute oder schlechte Eigenschaften von fiktiven oder auch – besonders bei einer Sedjanka – anwesenden Personen sind beliebte Themen und machen deutlich, daß die Lieder in der dörflichen Gesellschaft eine bedeutende Funktion zur Pflege und Vermittlung sozialer Normen hatten.

    Auch die zahlreichen Balladen und Heldenlieder, die bevorzugt bei Tisch vorgetragen wurden, zielten in diese Richtung. "Nazlândza Jana" (Nr. 22) ist dafür ein schönes Beispiel. (Allerdings bestehen solche Balladen in der Regel aus weit über hundert Versen.) Die sich sträubende Jana bietet einer Übermacht von Türken, die sie am Brunnen überraschen und verschleppen, die Stirn. Das Leid, das die Bulgaren unter dem "türkischen Joch" erlitten haben und die Heldentaten der Hajduken, sowie Ereignisse aus den Epochen vor der osmanischen Herrschaft sind ein unerschöpflicher Fundus für diese rezitativen Lieder zum Festschmaus. "Voller Schmerz schildert der Volkssänger erschütternde Bilder vom Hinmorden der armen versklavten Bevölkerung seitens der blutdürstigen Unterdrücker" (Nikolai Kaufman).

    Um derart umfangreiche Lieder vortragen zu können, bedarf es neben einer musikalischen Begabung eines guten Gedächtnisses. Volkssänger waren gewöhnlich Analphabeten und konnten – so berichtet N. Kaufman – Lieder mit 200 Versen und mehr nach einmaligem Anhören nachsingen und über Jahre hinweg behalten. Auch ihr Repertoire war umfangreich: So hat z.B. Pavel Atanasov aus der Dobrudza den Mitarbeitern der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften 742 Lieder vorgesungen. Andere Sängerinnen beherrschten über tausend Lieder. Daß ein Sänger 300 bis 400 Lieder singt, ist die Regel.

    Wenn die bulgarischen Volkslieder so eng verknüpft sind mit alltäglichen Verrichtungen des dörflichen Lebens und besonderen Gelegenheiten im Jahres- oder Lebenslauf, mußten sie zwangsläufig mit dem Übergang zu einer modernen, von rationellen Arbeitsweisen und städtischer Kultur geprägten Gesellschaft ihre ursprüngliche Funktion einbüßen. Eine Bäuerin sang das Lied zum Mehlsieben beim Hochzeitsritual mit heiligem Ernst und starkem Gefühl; die Bedeutung des Liedes für den Fortgang der Verrichtungen und ihre eigene Rolle als Sängerin in diesem Ritual war ihr bewußt und wichtig. Das gleiche galt für die Zuhörer. Diese starke kulturelle und emotionale Verwurzelung des Volksliedes im bäuerlichen Leben ist heute im Schwinden begriffen.

    Statt dessen lebt die Folklore in Konzerten, Radio und Fernsehen weiter. Die Künstler haben gewiß eine fundierte Ausbildung erhalten und beherrschen meisterlich Gesang und Instrumente. Ihr Vortrag mußte aber zwangsläufig einen anderen Charakter annehmen, als der Bezug zum eigenen Leben und dem der Angehörigen, Nachbarn usw. wegfiel und der Funktion der Unterhaltung eines passiven und vergleichsweise distanzierten Publikums Platz machte. "Die spezifische Färbung der Intonation, die für ihren früheren funktionalen Zusammenhang charakteristisch war, interessiert die jüngste Generation von Künstlern nicht mehr. Sie haben an der landwirtschaftlichen Produktion nicht teilgenommen und spüren folglich nicht das emotionale Band zwischen der Erntemelodie und der Ernte selbst. ... Wir können nur bedauern, daß die Generalisierung der Lieder zu einer Nivellierung der Nuancen des künstlerischen Vortrags führt." (Todor V. Todorov)

    Im gleichen Sinne ist die Anpassung der Zusammensetzung der Ensembles und der Arrangements zu verstehen. Wenn es darum geht, ein Publikum zu unterhalten und den nationalen Charakter der Musik herauszustreichen, genügt nicht mehr eine kleine Gruppe von zwei bis drei Musikanten mit einem oder ein paar Sängern. Die Ensembles werden größer, jedes Instrument ist in jeder Stimmlage mehrfach vertreten, umfangreiche Chöre kommen hinzu. Schließlich wurde auch die Musik selbst bearbeitet und es entstanden neue Kompositionen, die sich in unterschiedlichem Maße an die tradierten Muster halten, die einen mehr, die anderen weniger, und dementsprechend Zustimmung finden oder auf kontroverse Diskussion treffen. Manche Experimente gehen so weit, moderne westliche Elemente wie elektronische Instrumente und stampfende Rhythmen mit der traditionellen bulgarischen Musik zu verbinden (Nr. 12: Trendafilko).

    Der Gründer des Staatsensembles für Volkslieder und -tänze, Filip Kutev, spielte bei der Weiterentwicklung der bulgarischen Volksmusik eine herausragende Rolle. Er hat sie auf der Bühne zu neuem Leben gebracht und dabei ihre spezifische Charakteristik bewahrt. "Dragana i Slavejat" (Nr. 20) ist ein Beispiel für seine meisterhaften Bearbeitungen.

    Mit dieser Sammlung von Tanzliedern wollen wir allen, die sich für bulgarische Folklore interessieren, bei der Annäherung an diese Werke der Volkskunst und Poesie behilflich sein. "Man hört nur, was man weiß" gilt insbesondere hier, wo eine schier unüberwindliche Sprachbarriere den Zugang versperrt.

    Dem Instrumentalisten erschließt sich die bulgarische Volkmusik allein vom Gehör nicht so ohne weiteres. Im Namen aller, die gerne Folkloremusik spielen, möchte ich an dieser Stelle unserem Freund Stojan Parusev für die Niederschrift der Noten danken. Ihm sei gesagt, daß er damit den großen Hunger der Musikanten nach – leider noch selten verfügbaren – Noten von Folkloretänzen ein Stück weit gestillt hat.

    Herwig Milde
    Freiburg, im März 2000