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    Koprivstica

    Das legendäre Festival für bulgarische Folklore, August 2005

    von Herwig Milde, Freiburg
    (Artikel für "FOLKMAGAZIN")

    Koprivstica! Magisches Wort unter Folklore-Eingeweihten. DAS Festival in Bulgarien! Nur alle fünf Jahre! Wer es dieses Jahr nicht sieht, muß lange auf seine nächste Chance warten. Vielleicht kommen deshalb jedes Jahr mehr Besucher, und zwar Tausende - neben den mehr als zehntausend Mitwirkenden. Während des langen Wochenendes im August platzt Koprivstica (Ko-priw-schti-tza) aus allen Nähten; wer in einem Lokal einen Platz zum Abendessen gefunden hat, schätzt sich glücklich. Und es brummt abends, alle paar Schritte dröhnt eine andere Musik, oft auch Folklore. Meter für Meter auf der Hauptstraße am Bach entlang sind besetzt mit Marktständen: Schnitzereien, Keramik, geklöppelte Spitzentischtücher, CDs - oft auch Folklore, immerhin! - und billige Lederwaren, Unterwäsche, Mode-Outfits, leuchtender und blinkender Plastikschnickschnack. Und Zuckerwatte, neuerdings, neben Flohmarktartikeln (Dolchen, Wehrmachtshelmen, Leninorden), unter denen ich noch letztes Mal, vor fünf Jahren, auch die eine oder andere 1500 Jahre alte Bronzefibel aus einer Raubgrabung entdeckt habe. Auch "Koprivstica" ist - wie so viele periodische Kulturveranstaltungen - "nicht mehr, was es mal war". Es ist voller geworden, sowohl auf der Seite der Anbieter, der Händler, als auch auf der Seite der Besucher; so viele und so große Japanerinnengruppen habe ich dort noch nie angetroffen - und seit 1986 war ich jedes Mal da. Sie haben inzwischen die US-Amerikaner an Zahl übertroffen.

    Wovon diejenigen, die früher als ich dort waren - 1981 - mit glänzenden Augen erzählten, nämlich daß im "Zeltdorf", der Behelfsunterkunft für die vielen Tänzer und Musiker draußen, außerhalb des Städtchens, bis tief in die Nacht gespielt und getanzt wurde, das beginnt inzwischen schon am Nachmittag in einem oktoberfestartigen Bierzelt mitten im Ort. Mit den heute unvermeidlichen Verstärkern und dröhnenden Lautsprechern.

    Und doch: das Festival mit seinen zwölf Bühnen oben über dem Ort auf den Weiden schlägt uns immer noch in Bann. Liegt es vielleicht an der Mühe des Fußweges, liegt es daran, daß wir dabei das Städtchen unter uns zurücklassen und es erst mal still wird zwischen den hohen Fichten, bevor wir den letzten Buckel überquert haben und die ersten Töne von Bühne II wahrnehmen, wo die Darbietungen schon längst im Gang sind? Die herbe Zweistimmigkeit des Gesangs, die durchdringenden Gajdaklänge versetzen uns sofort in die Welt der ländlichen Volkstraditionen, wo das Leben und die Arbeit schwer, aber die Verhältnisse einfach und die Sehnsüchte bescheiden waren. Wo ein paar wenige Dinge Gültigkeit besaßen und am Abend alle miteinander in derselben Unterhaltung vereint waren: der Folklore, derentwegen wir zweitausend Kilometer hierhergereist sind.

    Die Trachten! Jede Gruppe zeigt vollkommen andere Kombinationen aus Blusen, Unterkleidern, Westen, Röcken, Schürzen, Strümpfen, Kopftüchern, Kopfschmuck ... viel rot (ziegel-, wein-, blutrot), schwarz, weiß und abenteuerliche Farbkontraste mit orange, grün (tannen-, lindgrün), blau (königs-, marineblau), violett (flieder, aubergine), gelb (zitronen-, mais-, goldgelb) ... Manchen Trachten sieht man noch die endlose Mühe und Geduld an, mit der sie gewebt, bestickt und verziert worden waren. Beim näheren Hinsehen unterscheiden sich die anscheinend gleichförmigen Trachten doch in der Ausgestaltung der Details. Keine Stickerei, kein Webmuster gleicht exakt dem anderen und drückt die Phantasie und das Bemühen der jungen Frau aus, sich durch Kunstfertigkeit auszuzeichnen. Hoffentlich erzielen sie eines Tages ihren angemessenen Preis, wenn die in Serie schnell und schlicht gefertigten Folklorekleider, die man hier von Mal zu Mal immer häufiger antrifft, sich weiter durchsetzen.

    Was ist denn das für ein Lärm! Wir drehen uns um: Da kommen Kukeri! Ein Dutzend junge Männer in braune, zottige Ziegenfelle gekleidet mit jeweils mindestens zwanzig großen bis riesengroßen Kuhglocken am Gürtel, die sie im Gleichschritt laufend rhythmisch erschallen lassen. Ihre phantastischen Masken halten sie unter dem Arm, dafür ist es jetzt doch zu warm. Der Kukeri-Brauch ist schließlich ein Winterritual.

    Es sind junge Männer, das fällt auf. Denn die meisten Mitwirkenden sind Frauen und Männer über fünfzig. Aber dieses Jahr sieht man mehr Jugendliche und Kinder als früher. Wenn das stimmt, daß jetzt wieder eine jüngere Generation in den "Gruppen für authentische Folklore", wie sie vor ihren Auftritten angekündigt werden, in größerer Zahl nachwächst, kann Ivan DONKOV seine Sorgen über den Niedergang der bulgarischen Folklore vergessen. Er schrieb noch vor wenigen Jahren:

    "Auch der Horizont der nächsten Auflage des einzigartigen Folklorefestivals von Koprivstica, für das Bulgarien berühmt ist und in der ganzen Welt respektiert wird, liegt im Nebel."

    Die Hauptbühne, wo auch die Fernsehkameras aufgebaut sind, hält uns länger fest. Hier wechseln sich viele interessante Gruppen in einem Tempo ab, das wir dann doch bedauern, obwohl wir viel zu sehen bekommen. Aber jeder Auftritt ist irgendwie zu kurz. So gerät das Heilungsritual der Kâluschari vom Donautal, für das man sich original gewiß ausgiebig Zeit nimmt, zu einer flotten Schnellbleiche. Die Koledari, Männergruppen, die zu Weihnachten von Hof zu Hof ziehen, um zu singen und Segenswünsche auszusprechen, beeindrucken mit ihren gespornten Stiefeln und ihren exakten rhythmischen Stampfschritten - a capella: das Knallen der Stiefel ist Musik genug.

    Eine haarsträubende Begegnung auf dem schmalen Fußweg, wo das Gelände eng wird, bleibt uns diesmal erspart: Kein Tanzbär kommt uns entgegen, wie noch vor fünf Jahren. Auch an diesem Punkt hat sich etwas verändert; die Tierschützer haben offenbar einiges erreicht.

    Was sich auf den Bühnen abspielt, ist gewiß von hohem Interesse für Fachleute, die das, was hier dargeboten wird, erkennen, die Nuancen darin ausmachen und auch die Ansagen verstehen. Die kleinen, unscheinbaren Szenen abseits haben dagegen einen ganz besonderen Charme auch für weniger Eingeweihte. Da posiert eine Survakari-Gruppe (Maskenträger der Winterbräuche) für die japanischen Kameras und bietet Gelegenheit, die teils phantastischen, teils satirischen Figuren aus der Nähe zu betrachten: die traditionelle "Braut" trägt hier jetzt ein bürgerliches weißes Brautkleid in üppigem Tüll statt Bauerntracht, da gibt es einen grotesken Soldaten mit Stahlhelm, eine "Krankenschwester" in weiß, einen Popen in schwarz, ein riesiges Tier (eine Kuh? Aber mit Krokodilszähnen!). Dort neben einer Bühne tanzt während einer Darbietung eine Gruppe, die gerade nicht "dran" ist, im Gras mit, aber viel temperamentvoller und unbefangener, von keiner Jury begutachtet. Abseits sitzt ein alter Mann in brauner Tracht bei einem jungen Mann auf der Wiese und beantwortet ernsthaft und ausführlich seine Fragen in das Mikrofon. Unter einem grellfarbigen Partyzelt sitzen drei junge Männer in Lederjacken und spielen auf zwei Zurnas zum Tapan ihre eintönige Melodie. Das gibt Gänsehaut.

    Zurück im Städtchen schauen wir einer großen, bunt gemischten Gruppe auf der Bühne des zentralen Platzes zu. Was uns hier besonders beeindruckt, haben wir eigentlich schon bei etlichen anderen Gruppen gesehen, und es berührt uns deshalb, weil es so scharf mit den Gepflogenheiten kontrastiert, die uns im westlichen Showgeschäft so selbstverständlich sind: Die Frauen, die da eng beieinander eingehakt stehen und singen, sind wie sie sind. Es kommt nicht darauf an, wie sie aussehen. Sie sind durchaus keine Schönheiten. Was zählt, ist allein was sie darzubieten haben. Und in der Gewißheit ihrer Traditionen strahlen sie da auf der Bühne eine Gelassenheit aus, die wir unseren Müttern und Großmüttern gewünscht hätten.

    Siehe auch: Deniza Popovas Artikel über Koprivstica "Bulgarien erhören", veröffentlicht auf "Das Tönchen! - Das Online-Magazin der Musikwerkstatt Rzeszut"